WIRD LIEBESKUMMER ZU WENIG ERNST GENOMMEN?

Liebeskummer Fotos

Liebeskummer klingt nach einem Teenagerproblem. Eine Bagatelle, die sich auf dem Schulhof abspielt. Etwas, das „in paar Tagen wieder vergessen ist“, wie Oma weise beteuerte, währenddessen sie uns mitfühlend die Wange tätschelte und uns köstliche Pfannkuchen ausbackte.

Wenn ich zurück denke, hatte sie recht. Zumindest damals.

Gott hab sie selig.

Aber seien wir mal ehrlich, heute sieht die Sache oft ganz anders aus. Als Erwachsener vermögen uns Engelszungen und die süßesten Leckereien nicht mehr zu trösten. Zu einschneidend sind die Konsequenzen, zu schmerzvoll das Ereignis.

Der Begriff Liebeskummer genießt ein Image, unter dem nur Teenies kränkeln und in einer Leistungsgesellschaft wie unserer, scheint es einfach keinen Platz für eine „Banalität“ à la Rosamunde Pilcher zu geben. Männer weinen nicht. Und die emanzipierte Frau 2000 auch nicht. Wir müssen funktionieren – und trotzdem wirft uns Liebeskummer aus der Bahn.

Sind wir einfach nur zu zart besaitet?

Eine „Weichspüler“-Gesellschaft, die nichts mehr aushält?

Und die von der Nachkriegsgeneration belächelt werden würde?

Nein. Worüber sich Psychotherapeuten schon lange Zeit im Klaren sind, ist heute auch medizinisch nachweisbar: Der Schmerz mag zwar nicht messbar und immer ein persönliches, subjektives Empfinden bleiben – aber einen geliebten Menschen zu verlieren, kann uns so sehr erschüttern, dass es mehr als nur ein paar traurige Tage zur Folge haben kann.

Wenn man verlassen wird oder seinen Partner anderweitig verliert, sind wir von dem Geschehen völlig überwältigt – und da passiert etwas Gefährliches: Wir fühlen uns hilflos. Der ganzen Sache ausgeliefert. Wir können die Situation nicht steuern oder verhindern – so entstehen Traumata, die auch bei Verlassenen eintreten können.

Traumaforscher Prof. Dr. Günter H. Seidler begegnete in der von ihm geleiteten Ambulanz in Heidelberg häufig Patienten, die von ihrem Partner verlassen wurden und die gleichen Symptome aufwiesen, wie Opfer von Gewalt, Kriminalität oder Terroranschlägen. Herzzschmerz-Betroffene litten ähnlich wie traumatisierte Patienten unter belastenden Erinnerungen und wiesen ein typisches Vermeidungsverhalten auf: Sie gingen Menschen, Orten und allem anderen aus dem Weg, das sie an ihren Expartner erinnerte. Auch zeigten sie aus der Traumaforschung bekannte depressive Symptome wie: Lustlosigkeit gegenüber schönen Dingen und sozialen Kontakten, und hatten nicht selten sogar Suizidgedanken.

Wird Liebeskummer nicht ernst genug genommen? „Wenn wir über diese schweren Fälle sprechen: ja.“, antwortet Professor Seidler in einem Interview der GEO.

Bekannte körperliche Begleiterscheinungen von Liebeskummer sind Atemnot, Magenschmerzen, Schlafstörungen. Und vor allem: Schmerzen im Herzen. Was nach romantischer Poesie klingt, ist heute in der Kardiologie nachweisbar. Dort kennt man seit Anfang der Neunzigerjahre das sogenannte „Broken-Heart-Syndrom“, das immer noch kaum erforscht ist.

Statistisch gesehen sind vor allem Frauen nach einem emotional belastenden Ereignis betroffen. Das Krankheitsbild kann bei schweren Verlusten und Trennungen auftreten, und ähnelt den Beschwerden eines Herzinfarkts.

Das Herz krampft sich zusammen, die Brust schmerzt und fühlt sich eng an – die Ursache ist hier aber keine verschlossene Ader, sondern eine stressbedingte Verengung der Herzkranzgefäße. Zwar erholt sich das Herz meist innerhalb weniger Tage oder Wochen wieder, aber es kann trotzdem gefährlich werden, gar tödlich. „Im Unterschied zum Infarkt, an dem etwa die Hälfte aller Patienten stirbt, ist die Sterblichkeitsrate beim gebrochenen Herzen allerdings gering und liegt nur bei etwa 3,2 Prozent.“, Christoph Nienaber, Direktor der Kardiologie an der Uni-Klinik Rostock auf Spiegel.de.

Wir reagieren also nicht übertrieben, wenn wir nach einer Trennung fix und fertig sind. Unsere taffen Großväter bräuchten sich angesichts „unserer Sorgen“ nicht im Grab umzudrehen. Liebeskummer ist keine Lappalie und ein gebrochenes Herz keine kitschige Metapher.

Von daher brauchen wir uns nicht als eine „Lenor Packung“ zu stigmatisieren, wenn wir Bücher darüber verschlingen, Foren wie Trennungsschmerzen.de besuchen oder uns irgendwann dazu entscheiden sollten, mit professioneller Hilfe eine verlorene Liebe zu verarbeiten.

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